Als das Gymnasium noch kein Telefon hatte

Foto: Peter Lisker
Foto: Peter Lisker

Im Gymnasium von Lützen liegen die Nerven blank. Der Schornstein des Hauses brennt. Passanten rennen zur Feuerwehr, denn anrufen kann aus der Bildungseinrichtung keiner. Ein halbes Jahr schon lässt der Telefonanbieter Telekom das Gymnasium hängen. Das Ergebnis: Die Schule lebt wie auf dem Mond. Man schreibt Briefe, schlimmstenfalls Telegramme. Wird ein Kind krank, können die Eltern nicht angerufen werden, brennt das Schulhaus können die Kinder und Lehrer nur noch davon laufen. Der Elternschulrat hat die Nase voll. Wir schreiben Januar 1992. 

Klaus-Dieter Hinz, heute stellvertretender Leiter der Freien Gesamtschule „Gustav Adolf“, kann sich an diese Situation noch ganz genau erinnern. „Ich war in der benachbarten Sekundarschule, auch uns ging es nicht viel anders“, erinnert sich der 57-Jährige. Es habe dort zwei Telefone gegeben. Probleme seien im Gespräch geklärt worden und nicht per Telefon. Meldeten sich Kinder krank, hätten sie eben warten müssen. So auch im Gymnasium, dass 1992 an den Start gegangen war und bereits 1999 die Türen wieder schloss.

2010 begann die Diskussion um den Bestand der Sekundarschule

Das Agricolagymnasium in Hohenmölsen war sehr groß konzipiert worden und schluckte so den Bestand der Schüler aus Lützen. Noch einmal Hinz: „Da hatten sie dann endlich ihr Telefon, aber keine Schule mehr. 2010 begann die Diskussion um den Bestand der Sekundarschule, wo ich bis 2011 stellvertretender Schulleiter war. 2012 wurde sie schließlich abgewickelt.“ Lützen hatte damit nur noch eine Grundschule.

„Es musste doch aber weiter gehen“, mischt sich Mario Mende ins Gespräch. Er ist heute Vorsitzender des Trägervereins der Gesamtschule „Gustav Adolf“. Beherzte Eltern, Vereinsmitglieder und Pädagogen gründen die neue Bildungseinrichtung bei einem Kinderfest im Juni 2012. Auch sie trifft es hart. Denn das Team steht zu Schulbeginn, also 20 Jahre nach Schulstart des ehemaligen Gymnasiums, vor leeren Räumen. Keine Telefone, keine Möbel, kein Arbeitsmaterial. „Wir haben uns echt drehen müssen und innerhalb von vier Wochen zwei Klassenräume und das Lehrerzimmer eingerichtet. Mit 39 Mädchen und Jungen begann der Unterricht“, so Mende.

Heute lernen an der Gesamtschule 220 Schüler in zehn Klassen

Heute lernen an der Gesamtschule 220 Schüler in zehn Klassen. Schulleiterin Anke Littmann gibt einen Einblick in den Umfang der Technik, mit der Schüler und Pädagogen gleichermaßen arbeiten. „Ich setze erst einmal voraus, dass alle unsere Pädagogen ein Handy besitzen. Eine schnelle Information untereinander über WhatsApp ist also bei uns gang und gäbe.“ Natürlich würden seit einigen Jahren fast alle Schüler ein Handy besitzen. Im Schulhaus bestehe jedoch Handyverbot. „Da knurren zwar manche, aber das Verbot wird akzeptiert“, sagt die Schulleiterin. Wenn die Jugendlichen ihre Eltern benachrichtigen müssten, dürften sie die vier mobilen Apparate als auch das festinstallierte Telefon des Hauses nutzen. Kostenfrei ist auch die Nutzung des Kopierers. Zur digitalen Ausstattung gehören heute 24 Laptops, fünf Beamer und zwei interaktive Tafeln. 24 Computer stehen in einem Kabinett.

Die Gesamtschule finanziert sich über Schulgeld und eine Kostenpauschale. 90 Prozent der auflaufenden Kosten würden zur Bezahlung des Personals verwendet. Schließlich sei noch ein Kredit abzuzahlen, ergänzt der stellvertretende Schulleiter. Der Rest werde in Lehr- und Lernmittel gesteckt. „Da wir einen guten Zulauf haben, werden wir in diesem Jahr sechs weitere Klassenräume sanieren. Natürlich sollen unsere Schüler von moderner Technik profitieren. Was nützt uns eine Schule, die nicht auf der Höhe der Zeit ist. So denken der Förderverein, aber auch sehr viele Sponsoren“, meint die Schulleiterin. Wo sieht sich die Schule in 25 Jahren? „Der Umgang mit den digitalen Medien werde weiter voranschreiten“, vermutet Littmann, fügt aber hinzu: „Kreidetafeln wird es weiter geben. Die sind krisensicher.“

Von Petra Wozny

Quelle: http://www.mz-web.de/25657792 ©2017